Ja, Nein, Vielleicht

Es gibt Fragen, die beschäftigen die Menschheit schon seit Jahrtausenden. Warum bekommt man immer am Wochenende Zahnschmerzen? Was passiert mit den zweiten Socken? War der Ball 1966 hinter der Linie oder nicht? Oder auch: Ist Wein in Maßen genossen denn nun gesund oder nicht?

Für uns ist an dieser Stelle allerdings nur die letzte dieser Fragen von Interesse, drum wollen wir uns bemühen, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen und Ihnen den aktuellen Stand der Dinge zu präsentieren. Doch damit Sie nachher nicht enttäuscht sind, möchten wir Sie schon an dieser Stelle daraufhin weisen, dass es auch uns trotz aller Bemühungen nicht gelungen ist, eine endgültige Antwort auf diese Frage zu finden.

Blicken wir kurz zurück. Schon den alten Griechen galt Wein – in Maßen genossen oder auch als Badezusatz – als Medizin gegen die verschiedensten Leiden und Wehwehchen und wurde von Doc Hippokrates gern als solche seinen Patienten empfohlen. Wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit dieser Therapie gab es allerdings keine.

Ebenfalls fraglich ist, ob man die Leben von Freunden des Weins wie Fürst Otto von Bismarck oder Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe als Beleg für die positive Wirkung des Weins auf ihre Gesundheit betrachten kann. Zwar genossen beide den Wein – und diverse andere alkoholische Getränke – in reichlichem Maße und wurden 83 Jahre alt. In einer Zeit, als das Durchschnittsalter zwischen 35 und 40 Jahren lag. Doch das hohe Alter auf ihren Weinkonsum zurückzuführen wäre schon sehr gewagt. Immerhin wurde auch Jopi Heesters 107, und der soll ja dem Vernehmen nach kaum etwas ausgelassen und auch deutlich ungesündere Substanzen konsumiert haben.

So kommen wir also nicht weiter.

Aussagekräftiger sind da schon Studien aus den 1970ern, deren Resultat heute gern als das französische Paradoxon beschrieben wird. Die Einwohner gewisser Regionen Frankreichs aßen gern und regelmäßig Fetthaltiges, rauchten auch – und tranken regelmäßig Wein zu den Mahlzeiten. Und dennoch – oder gerade deswegen? – hatten sie weniger Herzinfarkte als die anderen Westeuropäer. Ein verblüffendes Resultat, für das erst in den 1990ern eine Begründung gefunden wurde: Es sei, so erklärte der französische Mediziner Serge Renaud, der regelmäßige Weingenuss, der vor Herz-Kreislauferkrankungen schütze. Denn Wein enthalte mit seinen Polyphenolen hochwirksame Antioxidantien, die aggressive freie Sauerstoffradikale unschädlich machen können.

In der Tat gibt es auch aktuelle Studien, die diese Einschätzungen stützen. Diesen Studien zufolge sind des Weins schützende Wirkung für Herz und Blutgefäße vor allem dem in den Traubenschalen enthaltenen Resveratrol zuzuschreiben, das allerdings erst in Kombination mit dem Alkohol seine volle Wirksamkeit entfalten soll.

Besonders großen gesundheitlichen Nutzen soll Rotwein haben, der mit etwa 1.000 mg pro Liter eine 20-fach höhere Polyphenolkonzentration hat als der weiße Rebensaft.

Diesen Studien zufolge senkt Wein die Cholesterinwerte und den Blutdruck, schützt vor Arteriosklerose, Herzinfarkt, Thrombose, Osteoporose, Alzheimer, Gallen- und Nierensteinen sowie Infektionen.

Alles gut also? Tja, man weiß es nicht.

Denn die Tatsache, dass ein alkoholisches Getränk eine positive Wirkung haben soll, kam in unseren zunehmend spaß- und genussfeindlichen Zeiten eher wenig gut an. Also wurde geforscht, recherchiert, untersucht, umgefragt – oder müsste es geumfragt heißen? – zerteilt, gespalten, zersetzt, erhitzt, dehydriert, probiert und analysiert. Es musste doch möglich sein, dem bösen, bösen Wein nachzuweisen, dass er – nun ja – böse böse war.

2003 war es endlich soweit. Eine in Erlangen veröffentlichte Studie kam zu dem Schluss, schon kleinere Alkoholmengen hätten einen schädigenden Einfluss auf unser Gehirn. Eine Einschätzung, die durch die von uns schon erwähnten Goethe oder Bismarck und sogar durch bis an ihr Lebensende aktive und hoch kreative harte Trinker wie Winston Churchill, Jack London oder Ludwig van Beethoven eher nicht bestätigt wird. So schrieb Letzterer noch in den letzten Jahren seines Lebens die Diabelli Variationen und die neunte Sinfonie. Oder nehmen wir den russischen Komponisten Modest Mussorgski. Der starb schon mit 42 Jahren an den Folgen seines exzessiven Alkoholkonsums – war aber ebenfalls bis in die letzte Phase seines Lebens höchst kreativ.

Haken wir das mit den Schäden aufs Gehirn bei geringem Alkoholkonsum also ruhig ab. Sollten die tatsächlich existieren, sind sie offenbar von äußerst geringer Relevanz, wie die oben erwähnten Beispiele hinlänglich beweisen.

Eine weitere Studie – erst 2014 von tschechischen Wissenschaftlern veröffentlicht – kommt zu dem Schluss, dass nur Diejenigen von den positiven Wirkungen des Weins profitieren, die mindestens zwei Mal wöchentlich Sport treiben. Im Ergebnis stellte der Projektleiter, Professor Taborsky, fest, dass nach wie vor ein hoher HDL-Cholesterinspiegel der wichtigste Indikator für geschützte Gefäße und ein gesundes Herz sei. Und die dem Wein nachgesagte Steigerung des ‚positiven’ HDL-Cholesterins konnten die Forscher in ihrer Studie nicht feststellen. Nur in einer Untergruppe, die während der Studie nicht nur regelmäßig Wein trank sondern auch noch regelmäßig Sport trieb, konnte eine merkliche Steigerung des HDL-Cholesterin bei einer gleichzeitigen Senkung des ‚negativen’ LDL- und Gesamt-Cholesterins festgestellt werden.

Negative Auswirkungen in Maßen genossenen Weins konnten in dieser Studie allerdings wieder einmal nicht festgestellt werden.

Wir könnten hier noch ewig weitermachen, doch Sie merken, wohin die Reise geht. Eine wirklich endgültige Antwort auf die Frage nach den positiven Auswirkungen von in geringen Mengen genossenem Wein des Weins auf ihre Gesundheit gibt es nicht, und die angeblich vorhandenem negativen Wirkungen, die in nur einer Studie beschrieben wurden, sind – falls überhaupt vorhanden – von vernachlässigbarer Relevanz.

Fakt ist hingegen das belegte Resultat des ‚Französischen Paradoxons’. Und wenn eine Sache von der Menschheit 2000 Jahre lang als gesund betrachtet wird, dürfen Sie unserer Ansicht nach getrost davon ausgehen, dass an dieser Einschätzung ebenfalls etwas dran ist. Wir Menschen sind doch nicht blöd.

Also genießen Sie Ihren feinen Tropfen und lassen Sie sich nicht den Spaß verderben. Das Leben ist zu kurz, um hinter jedem Baum nach einer Gefahr zu suchen. Und falls Sie regelmäßig Sport treiben und bis an Ihre Leistungsgrenze gehen möchten, ist dagegen überhaupt nichts einzuwenden. Schließlich sind Sie als Wein-Freund dank erhöhtem HDL-Cholesterinspiegel besonders gut geschützt.

Sláinte
Ihr cooks & wines-Team